Mario Hilgemeier

Das Dunkle Zeitalter

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Eine geschichtliche Phantasie

Manchmal denke ich,
das Dunkle Zeitalter
war vielleicht gar nicht so dunkel.

Was dem jahrhundertelangen Zerfall
des römischen Imperiums
nach der Zeitenwende folgte,
war eine Periode kleiner dreistelliger Jahreszahlen,
aus der fast nichts überliefert ist.

Die wenigen Kunstschätze aus dieser Epoche
zeigen sowohl frühmittelalterliche
als auch spätrömische Merkmale.
Wie ein Vexierbild kann man sie betrachten,
als ob sie entweder noch aus der kaiserlichen Periode stammen
oder schon die ersten Knospen
der neu heraufkeimenden Religiösität zeigen,
die später zum Hochmittelalter führte.

Wir wissen nichts Genaues
über die Menschen des Dunklen Zeitalters.
Es wird angenommen,
dass nach dem Zerfall der großen Staatsstrukturen
eine europaweite kulturelle Durchmischung stattfand.
Sicherlich gab es keine großen Reiche.
Und die Leute lebten womöglich gar nicht schlecht.
Denn sie mußten keine Steuern mehr zahlen
oder zumindest sehr viel weniger als vorher.
Internationale Politik oder größere Heere existierten nicht.
Auch keine Markenprodukte, wie noch im alten Rom.

Jedoch gab es weiterhin Handel,
wenn auch meist nur in lokalem Rahmen.
Zwar entstand kaum verläßliches Münzwesen,
doch ein Tauschsystem von Naturalien und Diensten
reichte diesen Menschen.
Es basierte auf gegenseitigem Vertrauen
ohne große Formalien wie Verträge, Zertifikate undsoweiter.

Die Dinge waren unkompliziert.
Offenbar war man zufrieden,
die Todeszuckungen des alten Systems,
die Kriege, die Seuchen, den Raubbau und die Wirtschaftskrisen,
überstanden zu haben.
Man beschied sich, wenn es ausreichend
Nahrung, Kleidung, Unterkunft,
Geschichten, Freunde, Musik und Tanz gab.
Die Leute waren wirklich froh, am Leben zu sein.

Großartige Kunst oder Bauwerke zu schaffen
war nicht ihre Absicht.
Viel lieber saßen sie ruhig vor dem Haus
und waren still.
Wäre das in Japan, China oder Indien gewesen,
würde man sagen: sie meditierten.
Vielleicht lag hier die wahre Wurzel der Vision,
die in der Zukunft
die Baumeister der Kathedralen inspirierte.

Aber soweit war es noch nicht.
Die Hexenverbrennungen und Religionskriege
waren noch ein Jahrtausend entfernt
und die Menschen waren einfach glücklich.

Manchmal denke ich,
das Dunkle Zeitalter
war vielleicht gar nicht so dunkel.


Erstschrift 2000-07-15, Sa
Version 2003-11-23, So

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