Eindrücke von der 13. Konferenz der International Transpersonal Association (ITA)

TOWARDS EARTH COMMUNITY -
ECOLOGY, NATIVE WISDOM AND SPIRITUALITY

(etwa: Richtung Gemeinschaft Erde - Ökologie, Eingeborene(n-)Weisheit und Geistigkeit)

in Killarney, Irland, vom 22. - 27. Mai 1994

Zur Schönheit des Landes nur soviel: Wenn man eine Postkarte von den Blasket Islands oder dem Ring of Kerry sieht, denkt man, na ja, das ist halt 'ne Postkarte, alles auf besonders eindrucksvoll getrimmt, daß es atemberaubend aussieht - aber in Wirklichkeit ist Irland noch viel schöner, ja, märchenhaft! Fairy country! Bis zur reinen Harmonie verwildert - als hätte ein Künstler alles angeordnet. Und die meisten Menschen, die ich traf, waren besonders freundlich und nett.

Die Konferenz war groß, ca. 1500 Leute, drei parallele Sessions, so daß man nolens volens zwei Vorträge verpaßte (Es waren Cassetten-Aufnahmen zu kaufen - aber teuer). Nach den Vorträgen vormittags und nachmittags, gab es immer ein interessantes Abendprogramm; Musik, Film, Tai Chi, Performance und besondere Vorträge (natürlich nicht alles an einem Abend!).

Ich gehe jetzt mal meine Notizen durch und versuche, einen Extrakt herzustellen. Die Referenzen, wer was wann gesagt hat, schenke ich mir. Es geht um Ideen jetzt; und zwar in loser Collage:

Viele Politiker glauben, eine ökologische Umwandlung ist politisch nicht durchsetzbar. Ein irischer "Grüner" berichtete von einem öffentlichen Gespräch mit einem Vertreter einer etablierten Partei, der nachher sagte, "Sie haben ja recht mit Ihren Ansichten, aber wenn ich das öffentlich vertreten würde, wäre ich politisch tot." Was haben die Politiker von heute für ein Menschenbild? Glauben sie etwa, niemand wäre bereit, Opfer zu bringen oder Verantwortung zu übernehmen? Der Großinquisitor in Dostojewski's Brüder Karamasow verdammt Jesus, als er das zweite Mal auf die Erde kommt, mit der Begründung, die Freiheit sei zu groß für die Menschen. Aber wir sind immer noch in Evolution, und wir haben die Gabe der freien Wahl und der Verantwortung, uns auf eine gesunde Weise zu organisieren.

 Nach Toynbee wird der Fall von Zivilisationen
ausgelöst durch
- Konzentration des Reichtums in den Händen weniger Menschen.
- Unflexibilität unter Druck von innen oder außen.

Wenn das Herz den Blutpreis erhöhen würde, und die Lunge könnte nicht zahlen - was würde geschehen? Wenn die Länder des Nordens die Preise för Rohstoffe bestimmen, was tun sie dann? Warum mögen wir das System, so wie es ist?

Ein Grundtenor waren die Begriffe Respekt und Achtung, vor der Natur, vor den Werten und Rechten anderer (eingeborener) Menschen und Völker, vor dem Land, dem Leben, vor Gäa. Respekt heißt wörtlich "noch einmal hinschauen" - Achtung (reverence) bedeutet auch Hingabe, Demut und Anerkennen unserer Unwissenheit. Manche Eingeborene kennen 6000 verschiedene Pflanzen, ihr Vorkommen, Anwendungen für den Menschen und ihre Pflege. Von welchem heutigen Botaniker kann man das sagen? Und welcher Wissenschafter hält einen Neem-Baum für heilig, wie manche Inder das tun?

Weitere Grundtöne:

Die Geschichte der Maya-Frau, der der Entwicklungshelfer erklärt, daß er nur ihr und vier anderen der dreizehn Dörfer ihres Stammes mit dem Nötigsten versorgen kann: Die Frau (sie hat ein kleines Kind) antwortet, "wir nehmen eure Hilfe, aber wir werden sie auf alle dreizehn Dörfer verteilen." Sie nimmt lieber Hunger in Kauf, der das Leben ihres Kindes gefährdet, als das Überleben ihres Stammes aus selbstsüchtigen Motiven in Gefahr zu bringen (nicht etwa "Hauptsache unser Dorf hat was zu essen"). Mythen und Visionen sind wichtig, sie formen die Möglichkeiten der Zukunft. Daher kommt der Kunst (Theater, Rituale, Dichtung, Musik usw.) eine besondere Rolle zu. Ich frage mich, was für eine Zukunft verheißt MTV?

Dinge anschauen, die man lieber nicht anschauen möchte. Unsere Kultur ist süchtig. Würde sie doch sagen "ich bin ein zwanghafter Kriegmacher. Ich bin hilflos." (bei den Anonymen Kriegmachern). Verneine die Schattenseiten nicht - sieh sie an, sei ehrlich zu Dir selbst, geh zu den Wurzeln, arbeite die falschen Verhaltensweisen durch (Gewalt, Vergewaltigung, Mißbrauch, Sucht, Unterdrückung, Lebenslügen usw.). Millionen von Süchtigen haben es bereits getan - und sind durchgekommen! Wenn wir es schon nicht für uns selber tun können, laßt es uns für unsere Kinder tun! (Christina Grof). Die Arbeit am Innen wirkt nach Außen. Das Außen spiegelt unseren inneren Zustand wider. Es geht nicht, wenn wir - von Kräften getrieben - einem Etwas hinterherjagen, das immer in der Zukunft liegt (Sex, Geld, Ruhm, Macht, usw.). Ein Sinn für die eigene Göttlichkeit kann durch innere Arbeit erlangt werden und ist der einzige Weg, der die Befriedigung verschafft, die wir eigentlich suchen, die aber nicht im Außen erlangt werden kann. Du wirst zufriedener sein, mit dem was Du hast - ein "ökologisches Bewußtsein" entsteht sozusagen nebenbei: man denke an die alten Kulturen der Eingeborenen.

Das führt wieder zu den eingeborenen Völkern zurück, die in Balance mit der Natur leb(t)en. In ihnen ist oft noch der Schamanismus als ursprüngliche Religion lebendig. Und das ist kein bloßer Aberglaube - Schamanen heilen wirklich, finden Verlorenes wieder, bringen Nachrichten von entfernt Lebenden, die tatsächlich stimmen. Leute gehen in die Wildnis und finden durch Meditation, Trommeln, Nonsens-Singen, Erzählen, Rituale und gemeinsame Erfahrungen ihre verlorene, vertraute Beziehung zur Göttin wieder. Nach drei Tagen sitzen die Leute still ums Feuer und sagen "das ist alles so vertraut, das kommt mir alles so bekannt vor ...".

Von den Hunderten Teilnehmern an einer bestimmten Art der Wildnis-Erfahrung berichteten

Die Depression trat aber nicht auf, wenn es unterstützende Gruppen gab oder die Personen meditierten. Interessant ist eine Geschlechtsdifferenz. Befragt nach ihren wichtigsten Zielen antworteten Männer und Frauen deutlich verschieden:

Frauen      Männer      Ziel
57 %        27 %        Heimkehr ("to come home")
20 %        60 %        Furcht überwinden

Die Teilnehmer fühlten einen enormen Fluß von Energie, wenn sie in der Wildnis endlich loslassen können. Unsere Zivilisation scheint sehr viel Energie zu binden, die in der Wildnis freigesetzt wird. Die Zeremonie ist der "heilige Boden" für das Eintreten in und das Herauskommen aus veränderten Bewußtseinszuständen. Die schamanische Erfahrung besteht aus Himmel, Hölle, Entkörperlichung (Zerstückelung) und schließlicher Integration.

Wo wir gerade bei Merkwürdigem sind, Rupert Sheldrake vertritt die Ansicht, daß gerade jetzt eine Zeit sei, in der Amateure neue Gebiete des Wissens erschließen können, bevor es wieder von Profis übernommen wird. Einfache Experimente sind jedem möglich, er beschreibt zum Beispiel, daß Tiere genau wissen, wann ihr Besitzer den Entschluß faßt, heimzukehren. Komm' zu einer unerwarteten Zeit mit einem anderen Verkehrsmittel als sonst heim und laß zu Haus einen anderen Beobachter das Verhalten des Tieres aufzeichen (mit Uhrzeit).(Näheres siehe sein neustes Buch)

Bewegendstes Erlebnis auf der Konferenz für mich war das Obertonsingen und Chanting im Vortrag von Jill Purce - da ging mir das Herz auf! Mehr kann man dazu nicht sagen, wer einmal selber Chanting gemacht hat, weiß, was ich meine.
Es hat schon seinen Grund, warum die Mönche gemeinsam singen ...

Thomas Berry sagte dem Sinne nach, "Gute Menschen sind gefährlich, besonders wenn sie glauben, genau zu wissen, was gut ist. Aber das Universum ist eine Kommunion von Subjekten. Wenn man diese Einheit als Objekt oder Sammlung von Objekten ansieht, dann wird das Universum uns gestohlen. Unser größeres Selbst ist das Universum. Äußere Welt und innere Welt hängen ineinander. Wir tendieren dazu, den Kindern ihre ursprüngliche "earth literacy", ihr angeborenes Verständnis för die Natur, wegzunehmen, indem wir sie in eine vollständig künstliche Umgebung stecken (Klassenraum) und sie von der Natur abschneiden (Autismus). Es gibt kein Trans-Universum. Das Universum ist das Einzige. Als selbst- referentielles System, ist es das einzige seiner Art und nur durch sich selbst deutbar.

Das Universum hat vier Möglichkeiten:

  1. Kollaps, Zusammenstürzen
  2. Explosion, und ebenfalls Zerstörung seiner selbst
  3. Balance, Gleichgewicht, das ewig Fixierte, gleichförmig Ablaufende
  4. kreatives Ungleichgewicht, künstlerisches Feuer, aktiviert durch tiefe Mysterien

Das Universum wählt Nr. 4, was sich zeigt an:

Im 20. Jahrhundert wurde aus dem Ruhm und Glanz des Menschen die Verwüstung der Erde. Millionen Tonnen menschengemachter Chemikalien werden jedes Jahr freigesetzt. Thomas Berry sieht unsere gegenwärtige Zeit als Ende einer geologischen Epoche. Die neue Epoche nach dem Känozoikum (der letzten 65 Millionen Jahre), das jetzt zuende geht, wird das Ecozoikum sein. Dies sieht er als die große Aufgabe an: den Aufbau des Ecozoikums. Alle Kinder der Welt (alle Spezies) werden eine einzige heilige Gemeinschaft bilden. Gegenseitige Stärkung von Menschen und (allem Leben auf der) Erde. Bisher war aller menschlicher kultureller Code (Verhalten) größtenteils durch genetische Codes festgelegt. Doch Menschen erfinden - archetypische Strukturen werden neu durchdacht. Wir müssen die Spezies Mensch "neu erfinden" durch die Mittel des Geschichtenerzählens, geteilter Erfahrungen und gemeinsamer Träume.

Und es wurden viele Geschichten erzählt. Hier einige, die ich noch weiß:

Drei Männer wurden gefragt, was sie tun (sie taten alle dasselbe). Der erste sagte: "Ich schleppe Steine." Der Zweite: "Ich arbeite, um meine Familie zu ernähren." Aber der Dritte sagte: "Ich baue eine Kathedrale." (Thomas Berry)

Wenn Du durch das Kreative Tor gegangen bist, gelangst Du auf eine weite Wiese, in deren Mitte ein Feuer brennt. Das Feuer brennt ohne Holz. Ein kleiner Kobold steht daneben und sagt: "Du kommst hier nicht mehr heraus, es sei denn, du läßt hier etwas Kreatives zurück, das dir liebgeworden ist." Man muß durch das Feuer gehen (etwas Selbstgeschaffenes verbrennen), dann kommt man heraus. Es ist manchmal schwer, Dinge zurückzulassen, besonders wenn sie nicht natürlich sind ... (Angeles Arrien)

Ein westlicher Aikido-Schüler (drei Jahre dabei) fährt mit der U-Bahn in Japan. Ein gewalttätiger Betrunkener steigt ein und schlägt eine Frau und ein Baby. Der Schüler steht auf - er macht sich bereit zum Kampf, will kämpfen und zeigen, was er gelernt hat. Er ist selbstgerecht ("Der hat es verdient") und fordert den Rowdy heraus! Plötzlich ruft ein alter Mann "Hey!", so als ob er plötzlich etwas ganz Erstaunliches entdeckt hätte. Schüler und Rowdy drehen sich um und sehen überrascht den Alten an. Der Alte spricht zum Betrunkenen, "was hast Du getrunken?". Der antwortet, "Sake - was geht dich das an?" "Ich trinke auch gern Sake, abends mit meiner Frau im Garten, wo wir unseren Persimmon-Baum betrachten; er wuchs zwar nicht so gut, aber immerhin ..." Der Alte verwickelt den Betrunkenen in ein Gespräch, der Betrunkene setzt sich zum Alten auf die Bank. Schließlich kommt heraus, der Betrunkene hat Arbeit, Frau und Kinder verloren. Es endet damit, daß der Alte den Kopf des Betrunkenen in den Schoß nimmt und streichelt. Der Schüler muß an der nächsten Station aussteigen - beschämt. Er hatte vergessen, Aikido ist die Kunst, Konflikte aufzulösen und Kämpfe zu vermeiden. (Lieblingsgeschichte von Ram Dass, alias Richard Alpert)

Du brauchst mehr als einen Kompaß, um heimzufinden. Du brauchst eine Landkarte. (Rupert Sheldrake über das immer noch nicht erklärte Heimfindungsvermögen von Tauben - aber auch sonst wahr.)

Geschichten sind Karten der Wirklichkeit, die uns dahin führen, wohin wir gehen möchten. Erzählst Du mir Deine "Geschichte der nächsten Jahr(zehnt)e"? Die Natur recycelt alles. Kreativität kommt aus der Vielfalt (diversity). In lebenden Sytemen gibt es immer Vielfalt.

Die Geschichte des "dummen Affen" (Mensch) ist vorbei - so oder so. (Terence McKenna, zitiert von Stanislaw Grof). Untergang oder HöherEntwicklung (Transformation der menschlichen Spezies).

Das Problem, das der Planet hat, ist die Menschheit. Sind wir die Krebs-Krankheit des Planeten? Zerstören wir etwa das Immunsystem der Erde?

Wenn eine Raupe sich verpuppt hat, enstehen in ihrem Blut sogenannte "imaginal disks" (wenn ich mich recht entsinne), die den Schmetterling bilden, von ihrem Immunsystem aber als fremd angegriffen werden. Es entstehen jedoch immer mehr davon, weil der Umwandlungsprozeß begonnen hat, und schließlich bricht das Immunsystem der Raupe zusammen - der Weg ist frei und der Schmetterling entwickelt sich. Der Plan für den Schmetterling war die ganze Zeit schon da - wir werden grundlegend verändert werden. (Elisabet Sahtouris) Diese Geschichte gibt mir Hoffnung, wenn man an die möglichen Katastrophen durch Gentechnik, Welt-Wirtschafts- und -Finanz-System, Nuklearreaktoren, Klimaänderugen, Umweltschäden oder auch Nanotechnologie denkt.

Höre auf die Erde - sie kann für sich selbst sprechen. Steh still - der Wald weiß, wo Du bist; Du mußt ihn Dich finden lassen ... (David Whyte)

Kann man dieses Zusammenkommen von Hunderten in Konferenzen - diesen quasi- religiösen Zelebrationen dessen, was man zu wissen glaubt - transzendieren? Ja, wenn alle Wesen, menschlich und nichtmenschlich, eins im Geist und Denken sind, wenn Gäa erwacht (Gaia awakes). Oder ist Gäa bereits erwacht, und wir haben es nicht gemerkt, als Teile ihres Bewußtseins? Die Dinge werden aufgewühlt - Schlamm, Sand und Kiesel in einem Glas Wasser. Sobald sich die Bestandteile gesetzt haben, ist alles eine übersichtliche Geschichte.

Möge der Große Geist mit Dir sein, solange das Gras wächst und die Flüsse fließen. (indianischer Segen)

Übermooste Steinwälle mit einem vielfältigen Pflanzenleben, wie es das bei uns nicht gibt, türkis leuchtender Atlantik, schwarze Felsen in der Brandung -

und ich wollte nur zwei Seiten schreiben ... :-)
Ich hoffe, es hilft Dir. Danke, daß Du bis hierher gelesen hast!

Möglicherweise sind die etwa hundert Tonaufnahmen und Videos dieser Konferenz noch erhältlich beim

Conference Recording Service
1308 Gilman St.
Berkeley, CA 94706
phone 001 510 527-3600
.

Texte



© Copyright 1994-2005, Mario Hilgemeier, contact
homepage stylized apple
blossom