Der Schlaf der Vernunft gebiert Monstren

Dieser Text entstand unter dem Eindruck von 9-11. Im Jahre 2003 war er immer noch aktuell ...

Finanzen reichen nicht

Betrachten wir das Monster. Was ist es? Wie heisst es? Man könnte es nennen "Jeder für sich und Gott gegen alle". Oder, abgekürzt, JFSUGGA, ausgesprochen "Jesu Gaga". Was steht dahinter? Die Profitmaschine unseres gegenwärtigen Wirtschaftssystems. Die Politiker führen die Menschenrechte und Demokratie im Munde, ja, viele mögen es sogar so meinen - letztlich müssen sie sich doch dem Diktat der Wirtschaft beugen. "Das ist einfach nicht mehr finanzierbar ..."

Der kurzsichtige Blick auf das Geld allein beraubt uns eines weiten Blickes bis zum Horizont. Es reicht nicht, allein auf das Geld zu schauen; auch andere Dinge müssen beachtet werden, die wichtiger sind.

Von den hundert größten Organisationen, gemessen am Umsatz, sind im Jahre 2001 weniger als die Hälfte Nationalstaaten, der Rest sind Multis. Und Multis funktionieren wie Raubtiere, die überleben wollen. Schließlich verlangen die Aktionäre Dividende und zwar mehr als bloße Sparzinsen! Die Meßlatte für das Überleben ist der Profit. Getreu den Gesetzen der Populationsbiologie werden die Großen größer, Mono- und Oligopole bilden sich, die Kleinen werden plattgemacht oder gefressen, unprofitable Mitarbeiter werden "freigestellt". Selbst in Japan, wo lange das Gesetz der Loyalität galt: War der Arbeiter loyal zur Firma, war auch die Firma loyal zum Arbeiter. Vorbei auch das.

Hier in Europa gibt es Sozialstaaten, die menschliche Härten zumindest finanziell abfedern. Aber wie lange noch? Wann kommen die Profitrechner und sagen offen, dass es sich nicht mehr lohnt, Sozialhilfe zu zahlen? Warum sind sie noch nicht gekommen? Vielleicht ist das gegenwärtige System die billigste Lösung, die noch durchgeht, ohne die Mächtigen vom Sockel zu stürzen?

Kriege funktionieren nicht

Das klingt jetzt alles nach Revolution und gewaltsamem Umsturz, aber das ist nicht gemeint. Revolutionen haben schon früher nicht funktioniert. Wenn es eine Revolution gibt, dann im Denken der Menschen. Angesichts der Super-Terroristen, die Passagierflugzeuge als lebende Bomben zur Zerstörung von Tausenden von Leben benutzen, sehen wir ein: Es sind Wertesysteme, die hier kämpfen. Es sieht so aus, als stehen die USA auf der einen Seite und die Terroristen auf der anderen, als seien die Kontrahenten die Demokratien und die totalitären Systeme. Man könnte aber auch sagen, seelenlose Rationalität und wahnsinnige Leidenschaft. Es sind diese Dämonen, die hier kämpfen und beide sind unmenschlich und zerstörerisch. Die Profitmaschine tötet lediglich langsamer als der Terrorismus.

Beiden gemeinsam ist eine Mißachtung der menschlichen Würde, des menschlichen Lebens an sich. Jede Seite sagt: Wir sind die Guten, die anderen sind die Bösen.

Ich glaube an das demokratische System. Ich glaube auch, dass die Demokratie nicht alles reglementieren darf - je weniger Gesetze, desto besser, denke ich. Demokratien funktionieren aber nur mit mündigen Bürgern.

Kann man nur dann reich sein, wenn es genügend Arme gibt?

Der gegenwärtig dominante Mythos "Es ist besser, wenn ich mehr Geld habe als du" führt zu weniger Mitmenschlichkeit. Man kümmert sich weniger umeinander, jeder kümmert sich um seine eigenen Angelegenheiten. Es ist so wie bei einer Panik im Stadion - man sagt, es werden am wenigsten Menschen verletzt, wenn sich jeder nur um sich selbst kümmert. Vielleicht ist das so. Aber es ist menschlich kalt.

Jeder muss kämpfen, jeder muss besser sein wollen als die anderen, jeder muss sich gegen die anderen zur Wehr setzen, diplomatische Schachzüge, machiavellistische Machtspiele, Seilschaften, Verschwörungen, und Wahrheiten verschweigen, denn Wissen ist Macht. Lügen, Täuschen, Verstecken, Geheimhalten. Jeder muss ständig aktiv sein, mehr, mehr, keine Pause, atemlos, besinnungslos, schnell, schnell, noch schneller.

Manche wollen das nicht mehr. Was wäre denn, wenn alles anders wäre, wenn wir im anderen Menschen auch uns selbst sehen würden? Es gäbe keine Singles im heutigen Sinne, jedenfalls keine Fälle, wo nach Wochen, als der Gestank unerträglich wird, die Nachbarwohnung geöffnet und ein Leichnam entdeckt wird. Es gäbe die Anonymität der Städte nicht mehr. Jeder wäre gut bekannt, zumindest einem größeren Kreis von Menschen in seiner Umgebung mit denen er regelmäßig Kontakt hat, ja haben muss. Die Einzelnen wären offener, man wüßte mehr voneinander.

"Kein Kredit" oder "bedingungslose Mitmenschlichkeit"?

Statt Jesu Gaga gäbe es zum Beispiel "Eine Hand für das Schiff und eine Hand für den Mann", "Füreinander in Gottes Obhut", "Einer trage des anderen Last", "Gemeinsam sind wir stark", "Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es" und so weiter.

Warum ist das heute nicht so? Weil jeder meist an sich denkt, keine Zeit für andere hat, und das Sich-Kümmern zu aufwendig ist. Jeder ist mit Überleben beschäftigt, denn es sind turbulente Zeiten.

Wo gibt es das Sich-Kümmern noch? Vielleicht in Kirchengemeinden. Aber manche Menschen wollen allein sein. Vielleicht suchen sie eine Lösung in der Stille, versuchen, "das Schweigen Gottes" angesichts der Mißstände in der Welt zu verstehen. Oder sie haben sich zurückgezogen und suchen den Kontakt nicht, aus Angst verletzt zu werden. Also ist die Ursache Furcht? Vielleicht. Die Furcht, nicht genug zu bekommen, von anderen übervorteilt, ausgenutzt, ausgetrickst, um seine Rechte betrogen zu werden. "Und wenn jemand auch kämpft, so wird er doch nicht gekrönt, er kämpfe denn recht" sagt Paulus. Sicher ist der rechte Kampf, der ethische Kampf, der Kampf um das höchste Gut sehr wichtig. Aber eben nicht mit menschenverachtenden Mitteln.

Die Zeichen stehen auf Sturm. Dennoch glaube ich an die Demokratien und hoffe, sie sind nicht nur eine Erscheinung in Zeiten des Wohlstands. Wir brauchen die gesamte intellektuelle und moralische Kraft jedes Einzelnen, der nicht mehr nur Rädchen im Getriebe und Befehlsempfänger sein darf. Jeder muss in seinem Bereich verantwortlich, ethisch und menschlich arbeiten und einen noch höheren Standard anstreben, als er ihn bisher verfolgte. Jeder muss täglich an seiner Verbesserung arbeiten, aber das heißt nicht notwendigerweise "Karriere machen" oder "in der Hierarchie aufsteigen".

Was wäre denn die Konsequenz, wenn sich die Profitmaschine und die Terrormaschine "friedlich" einigten? Eine menschenverachtende Schreckensherrschaft und globales unvorstellbares Leid von Millionen. Worum geht es also? Es geht um eine menschliche Zukunft.

Anti-Utopie

Woher kommen die Terror-Millionen, die solche Super-Anschläge finanzieren? Vermutlich aus dem Drogenhandel, aus Waffen- und Menschenhandel. Man stelle sich vor, das würde legalisiert.

Fernsehwerbung für die neue Handfeuerwaffe, den neuen Körperpanzer. Drogenautomaten an jeder Straßenecke. Heerscharen von verarmten, kriminellen Süchtigen, denen niemand eine Therapie zahlt. Sklaverei wäre legal, Menschenjagden nach Art des Millionenspiels, Gladiatorenkämpfe und Organräuber, das sind nur einige von vielen sadistischen Möglichkeiten. Wer kann allen Ernstes eine solche Höllenwelt wollen?

Nun, Computerspiele und Romane, die solche Elemente enthalten, existieren. Man sieht, solche Gedanken beschäftigen viele. Dabei ist noch die Frage, ob die Existenz dieser Medien eine heilsame Katharsis oder die latente sozialschädliche Sucht nach Verwirklichung auslöst. Die Debatte um Gewaltdarstellung in den Medien dauert noch an.

Wenn andererseits der Dämonenkampf zwischen Demokratien und Terroristen, legalen Profiteuren und illegalen Kriminellen eskaliert, was passiert?

Jede Seite braucht mehr Kraft und wird deshalb die Menschen in ihrem Einflußbereich polarisieren. Da sind die Demokratien im Vorteil, weil sie mehr Menschen haben. Die Gegenseite wird versuchen, an die niederen Instinkte zu appellieren mit Drogen, Sex, Waffengewalt, pseudo-Parteien, die Wahrheit verzerrenden audiovisuellen Medien, und anderen dunklen Versuchungen. Es ist von entscheidender Bedeutung, wie der Einzelne darauf reagiert, wie stark sein Wille ist, die Menschenrechte durchzusetzen, demokratisch und gesetzestreu.

Es ist also eine Schlacht in den Köpfen der Menschen, um Aufmerksamkeit und Kraft, um Zeit und Geld, eine Schlacht, die nur gewonnen werden kann, wenn die große Mehrheit der Menschheit einen gleichen Grundstock an Werten hat. So etwas wie die Menschenrechte und die grundlegenden ethischen Werte der großen Religionen, die durch Jahrtausende ihren Wert bewiesen haben.

Der letzte Countdown

In den letzten zwanzig Jahren hat es eine Eskalation der Gewalt auf meist amerikanische Einrichtungen gegeben. Das bedeutet, die Terroristen haben an Einfluß gewonnen. Was passiert, wenn die Kräfte gleichstark werden? Dann haben wir Weltkrieg Nummer drei, der keine klaren Fronten mehr kennt, sondern gleichzeitig überall stattfindet. Anschläge, Morde, Attentate, Explosionen von wichtigen Einrichtungen. Gleichzeitig mehr polizeistaatliche Massnahmen, Kontrollen, Überwachung. Niemand ist mehr so sicher wie heute. Vorort-Ghettos von Hochsicherheits-Wohnanlagen für die Wohlhabenden und innerstädtischer Zerfall. In den Städten weitgehender Ausfall von sozialen Diensten wie Krankenhäusern, Begegnungsstätten, Kultureinrichtungen, Polizei. Das Cyberpunk-Scenario einer langsam zusammenbrechenden Zivilisation, die sich selbst zerfleischt.

Am Ende werden die Mächtigen zu erschöpft sein, um weiterzukämpfen und alles löst sich in eine Barbarei von Kleinstaaten auf. Es ist denkbar, dass gerade in dieser dunklen leidvollen Zeit, in diesem Chaos, wieder echte Mitmenschlichkeit gedeiht. Vielleicht entsteht die Nano-Technologie, die dem Menschen den beschwerlichen Weg ebnet, wenn dazu noch jemand genügend Ressourcen aufbringen kann.

nicht verletzen, nicht lügen, nicht stehlen,
 Mäßigung, Mitgefühl

Lernen durch Vernunft oder Leiden?

Hoffen wir, dass es nicht dieses gewaltigen Krieges bedarf, damit die Mehrheit der Menschen die ameisenhafte Routine der immer selben Wege verläßt, sondern mutig Neuem aufgeschlossen entgegensieht, neue gute (eigene und gemeinsame) Ziele ansteuert und sich kontinuierlich selbst verbessert, materiell, sozial und ethisch.

Erstschrift 2001-09-13, Do
Version 2003-11-23, So
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